Evangelium: nach Matthäus 10,37-42
Die Worte von Paulus sind sicher nicht leicht zu Verstehen. Aber überlegen wir einmal: Paulus sagt da u.a.: „....so ist uns (durch die Taufe) ein neues Leben geschenkt worden, in dem wir nun auch leben sollen.... Weil ihr mit Jesus Christus verbunden seid, lebt ihr für Gott.“ Aber was heißt das, „für Gott leben“?
Es gibt in unserem Leben vieles, das uns wichtig vorkommt. Aber wir können nicht alles, was wichtig, ist bekommen. Wir müssen uns entscheiden, wir müssen Prioritäten setzen. Was ist uns das Wichtigste? Was kommt in unserem Leben an erster Stelle? Wofür muss alles andere weichen, weil ich davon meine letzte Lebenserfüllung, das Gelingen meines Lebens, mein letztes Glück erwarte?
Es gibt da eine Stelle in den Evangelien, wo Jesus sagt: „Das wichtigste Gebot heißt: Du sollst Gott lieben, von ganzem Herzen, mit deinem ganzen Verstand, mit deiner ganzen Kraft.“ Aber er fügt auch hinzu: “... und deinen nächsten Mitmenschen sollst du lieben, „wie dich selbst“. Dieses Letzte verstehen wir aber oft falsch, weil in unserem heutigen Verständnis das „selbst“, das „Ich“ ist, das „Individuum“, die eigene einmalige Persönlichkeit.
Heutzutage wird viel von „Selbstverwirklichung“ geredet. Doch was heißt „selbst“? Damals war mit dem Ich nicht eine individuelle Person gemeint. Man war Mitglied einer Großfamilie. Nur individuell konnte man nicht einmal existieren. Das „Ich“ hatte keine große Bedeutung. Man verstand sich selbst nur in Verbindung mit der Großfamilie. Sie war mein „Ich“, mein „Selbst“. Ich sollte also laut Jesus andere Menschen genauso lieben, für sie dasein, ihnen helfen wo ich kann, sie so behandeln, wie ich meine Großfamilie, mein „Selbst“ behandle. Und Jesus meinte: Meine Liebe zu Gott und zu diesem, meinem Selbst sind nicht voneinander zu trennen. Aber meine Liebe zu Gott sollte über alles andere stehen. Sie hat Priorität. Denn Gott ist mein Schöpfer, ihm verdanke ich mein Leben. Ohne ihn hat mein Leben nur einen sehr beschränkten, nur vorläufigen Wert.
In diesem Licht können wir dann die Worte von Jesus verstehen: Wer Vater oder Mutter, wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, zu mir zu gehören. Im Leben von Jesus hat Gott die höchste Priorität. Sein ganzes Leben war total von Gott, seinem Vater, bestimmt. Gott hatte immer Vorrang. Aber weil dieser Gott auch erwartet, dass man auch für seinen nächsten Mitmenschen da ist, stand diese „Nächstenliebe“ dann auch auf der gleichen Ebene mit seiner Liebe zu Gott. Nächstenliebe ist gleichsam Gottesliebe.
Ganz realistisch und selbstkritisch betrachtet soll ich mich fragen: „Das Wichtigste im Leben“, kann das meine Familie sein? Ist das nicht irgendwie eine Illusion? Baue ich dann mein Leben nicht - wie Jesus in seiner Bergpredigt sagt - auf Sand statt auf felsigen, festen Boden? Wenn ich solche hohe Erwartungen an meine Familie habe, überfordere ich sie dann nicht? Erwarte ich von ihr dann nicht etwas, was sie mir nicht geben kann? Muss ich dann schlussendlich nicht immer enttäuscht werden?
Alles im Leben ist unvollkommen, zerbrechlich, vorläufig, kann uns also nicht das endgültige Glück bringen. Das kann nur Gott. Jesus meint nicht, dass die Familie unwichtig wäre. Aber man soll sie nicht „vergöttern“, also zu seinem Gott machen. Dann wird man enttäuscht werden. Das gilt nicht nur für die Familie, sondern für alle anderen Dinge und Personen, die mir als das Wichtigste erscheinen. Denn dann mache ich sie zu meinem Gott.
Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit ihr das Leben habt, es in Fülle habt.“ Durch seine Lebensweise, durch seine Worte und Taten zeigt er uns den Weg „in Fülle“. Es ist kein bequemer Weg. „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir auf meinem Weg folgt, ist es nicht wert, zu mir zu gehören“. Auf dem Weg von Jesus gibt es viele Hindernisse, ja „Kreuze“. Ihm nachfolgen heißt zunächst einmal leben mit einem bedingungslosen Vertrauen zu Gott leben. „Suche zuerst das Reich Gottes und alles andere wird dir dazugegeben.“
Als Christ muss ich mich in Konfliktfall mit meinem Glauben an Gott durchsetzen, sogar wenn es um die eigene Familie geht. Gott hat die letzte Priorität, über allem anderen im Leben. Dann trifft zu, was Jesus in der Bergpredigt sagt: „Dann habe ich mein Haus auf Felsen, nicht auf Sand gebaut.“